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Andreev Pavel
Der leichteste Tag war gestern

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   Art of War. Pavel Andreev. Der leichteste Tag war gestern
  
  
   Der leichteste Tag war gestern
   Von Pavel Andreev
  
  
  
  
   Übersetzt von Anton Huttenlocher (man-from-azuza@mail.ru)
   Über ihm schimmerte weiß die kuppelförmige Decke. Der Kopf brummte, im Körper eine unverständliche Vibration erzeugend, die impulsenartig in die Beine ging und als unerträglicher Schmerz zurückkehrte. Er erhob sich verkrampft auf den Ellbogen. Die nächste Schmerzwelle warf seinen Kopf zurück auf das Kissen, aber sogar das konnte den Strom der Gefühle nicht dämpfen, der ihn nach dem Gesehenen erfasste.
   Nicht so das Fehlen der Beine, als vielmehr die höhnisch scharf gekennzeichneten Kanten auf der Soldatenbettdecke, die sein Bett überzog, traf ihn wie ein Schlag. Als man seinen abgeschnittenen, von Splittern zerrissenen Körper zurechtgelegt hatte, war die Decke genau um so viel beiseite geschoben worden, wie erforderlich, um die Beinstümpfe zu bedecken, und darunter, dort, wo früher die Beine gewesen waren, lag sie unberührt, immer noch die Spuren der geschickten Soldatenhand aufbewahrend. Die Unberührtheit der Bettdecke demonstrierte frech die Gleichgültigkeit der Umgebung zum Geschehen - er nahm jetzt nur etwas mehr als die Hälfte vom Platz ein, der für ihn auf dem Bett bestimmt war. Die Grenze dieser Realität verlief über seine blutenden Beinstümpfe. Früher - und jetzt.
   Die nicht existenten, amputierten Beine schmerzten dumpf. Die Löcher im Arm und im Bauch beunruhigten ihn nicht. In seinem gequetschten Kopf pulsierte ein einziger Gedanke - "Lebendig, wozu lebendig ?". Diese zwei Leben - vorher und danach - überschnitten sich in seinem Verstand mit dem Chaos eines bunten Kaleidoskops von Splittern aus Ereignissen und Menschen. Alles, was in ihm gewesen war - Wissen, Erfahrungen, Gefühle - hatte diese Mine umgekippt. Er fühlte fast körperlich seine Anwesenheit im Trichter, der damals nach der Explosion entstanden war. Die Zeit, die angeblich heilt, versagte ihm aus irgend einem Grund die Hilfe im Kampf gegen das Bewußtsein, das ihn immer wieder in jenen Trichter hineinzog. Das Leben, dem Wasser im Bergbach gleichend, umfloß ihn, ein in der Sanduhr des Schicksals heruntergefallenes Sandkorn - alles, was geschehen sollte, war bereits geschehen, und es blieb nur zu warten, bis das Schicksal sie wieder einmal umdreht. Die Erfahrung des
   Überlebens, die er dort, vor dem Trichter, gewonnen hatte, sagte ihm einfache Wahrheiten auf der Grundlage der Fakten vor, die aus der Vergangenheit herausgezogen wurden. So, langsam, schlossen sie sich zum Fundament der Pyramide seines neuen Bewußtseins zusammen.
   Die Hand des Schicksals führte ihn hart, unterstrich die Einmaligkeit, Unverbesserbarkeit und Unwiederkehrbarkeit des Geschehens. Wie die Zufälligkeit oder Nicht-Zufälligkeit dieses oder jenes Faktes enträtseln ? Wie mit Hilfe der Analyse einen Weg zum Vernünftigen und dem Guten aus dem Haufen der Ereignisse finden, die dich ins Verderben stoßen ? Wo liegt die Grenze zwischen dem sich Ereignenden und der Möglichkeit ? Wie die Möglichkeit des Erreichens der Wahrheit verwirklichen, die Ursachen und die Taten zusammenbindend ? Wie das Schicksal umgehen ?
  
   Um etwas zu erfahren, wird Zeit gebraucht.
   Um etwas zu werden, wird genau diese Zeit gebraucht.
  
   ... "Wer die Ordnung einhält, den rühmt und ehrt die Welt !" Das Plakat hing an der Wand gegenüber seinem Bett. Er las diese Losung beim Einschlafen und beim Aufwachen. Es war wieder mal eine Nachtaufstellung. Liegestützen, Bauchmuskeltraining, Gladiatorenkämpfe und, wie ein unerfüllbarer Traum, das Schlußsignal. Endgültig von der Müdigkeit den Verstand verloren, schon nicht mehr von der Möglichkeit auszuschlafen träumend, stand er und starrte auf das verdammte Plakat mit der Losung.
   "Worüber denkst du nach, Schädel ?" - die Frage des Sergeants holte ihn zurück in die Kaserne. "Wer die Ordnung einhält, den rühmt und ehrt die Welt !" - brüllte er ihm entgegen. Der Sergeant schaute ihm in die Augen, von der Ferse auf die Fußspitzen schaukelnd. "Das zu tun, was man dich zwingt zu tun, ist am leichtesten. Am schwierigsten zu tun ist das, was getan werden muss, ohne Rücksicht auf die Umstände. Darum merkt euch eine einfache Regel, Schädel: "Wissen und nicht tun ist dasselbe, wie nicht wissen ! Du kannst nicht wissen, aber du bist verpflichtet schnell zu lernen ! Darum denke nicht daran, sondern tu es !" - der Sergeant war sichtlich zufrieden mit einem solchen Abschluß. "Wegtreten, Schädel !" - erklang der lange ersehnte Befehl.
   Um den Rang eines Sergeants zu erhalten, muss man ein Leben vom Offiziersschüler bis zum Sergeanten verleben. Mann muss lernen, Aufgaben zu stellen und zu lösen. Mann muss erfahren, wozu man fähig ist. Mann muss sich ständig Neues aneignen. Sonst wird man nicht stark. Sobald diese Kräfte erworben sind, entstehen auch Möglichkeiten, sie einzusetzen.
   Bis zum Ende des Anfangs blieben noch drei Monate ...
  
   Wenn du siehst, daß der Kampf vergeblich ist - kämpfe mit doppelter Kraft.
  
   ... Das, was er sah, als sie sich schließlich zu den Umzingelten durchgekämpft hatten, blieb für das ganze Leben im Gedächtnis. Einander ablösend, versuchten acht Männer die Mauer aus Stampflehm zu durchschlagen, die sie von ihrem in den Oberschenkel verwundeten Kamerad trennte, der von der Mauer auf die andere Seite gefallen war. Die Afghanen schnitten sie mit dem Feuer ab, keine Chance zulassend, über die Mauer zu klettern - zwei, die es riskiert hatten, waren bereits verwundet worden. Die Gruppe warf dem Verwundeten Patronentaschen mit Magazinen zur Maschinenpistole, Granaten hinüber. Mit dem Feuer aus ihrem AGS versuchten sie, den Kameraden zu unterstützen, der auf die sich ihm nähernde Afghanen schoß. Die Jungen schlugen die versteinerte Mauer mit allem, was sie bei der Hand hatten. Er war erstaunt, als er sah, welche Arbeit sie mit fast bloßen Händen geleistet hatten, indem sie es fertiggebracht hatten, die Mauer buchstäblich durchzubeißen.
   Als das Loch in der Mauer fast durchgeschlagen war, erlitt ihr Kamerad eine weitere Verwundung in die rechte Schulter. Verblutend, vom unerträglichen Schmerz das Bewußtsein verlierend, konnte er die Anspannung nicht mehr aushalten und sprengte sich mit einer Granate. Die Afghanen erkannten die Vergeblichkeit ihres Versuches, ihn lebendig zu nehmen, und zogen sich zurück. Aber sie vertieften dieses Loch immer noch, obwohl sie wußten, daß er nicht mehr am Leben war. Ihr Kamerad hatte noch exakt acht Minuten durchzuhalten. Fünf Minuten nach der Explosion der Granate lösten die Afghanen die Umzingelung. Acht Minuten nach der Explosion der Granate schlugen die Jungen das Loch in der Mauer durch. Noch in fünf Minuten kämpfte sich eine andere Gruppe zu ihnen durch.
   Und jetzt, ihre Emotionen nicht weiter verbergend, weinten zwei, die als letzte an der Mauer gearbeitet und als erste sich zu ihrem Freund durchgeschlagen hatten, weinten wie Kinder, die Tränen über die von einer dicken Staubschicht bedeckten Gesichtern verschmierend. Die Leiche ihres Kameraden lag vor ihnen. Sie schleppten ihn dennoch durch dieses verflixte Loch, unwillig, die Sinnlosigkeit dieser Tat zuzugeben ...
   Auf dem Krankenbett liegend, fing er an zu verstehen, daß die Zeit des Auftretens des Todes voll und ganz davon abhängt wie und wann die lebensnotwendige Kraft des Menschen beschädigt wurde. Er hatte gesehen, wie manchmal eine schwere Verletzung den Menschen sofort hatte töten können, während andere, körperlich weniger gefährliche Attacken Geistesschwäche, Verlust der Selbstbeherrschung, Desorganisation des Willens hervorgerufen hatten. "Leben, leben und leben - das muss der einzige und unerschütterliche Entschluß werden" - hatte er damals den Sinn des Geschehenen aufgefaßt.
   ..."Das wichtigste für dich ist jetzt zu lernen, ohne Beine zu leben", - klatschte der Chirurg ihn ermutigend auf die Schulter beim Verbandswechsel, als die Binden entfernt und die Lungen endgültig vom Schrei ermüdet waren. Das riesige Land konnte keine ganz geringen Mittel finden, um die soziale Rehabilitation zu fördern - und gar nicht deswegen, daß es diese Mittel nicht gab. Was kosteten aber die Bauern im großen Schachspiel um die Realisation von staatlichen Ambitionen ?
   Die "Einschränkung der Manipulationsfähigkeit" verändert den Menschen von den Wurzeln an. O weh, oft nicht zum Besseren. Und indem man den Krüppeln Almosen in der Form von sogenannten "Vergünstigungen" vergibt, aber ihnen die Möglichkeiten zur Verwirklichung der eigenen Fähigkeiten und Zielen raubt, kann man einen wunderbaren Weg zur Menschenmanipulation finden. Das Ziel ist immer untrennbar vom Instrument zur dessen Erreichung: jedem Ziel entspricht sein eigenes Instrument.
   Er hatte jetzt ein einziges Ziel, ein einziges Instrument zur dessen Erreichung - seine Prothesen, ein Symbol des menschlichen Schmerzes und der Geduld. Er verstand, daß sein Leben aus vielen, vielen Tagen bestand, die der Schmerz in eine Ewigkeit verwandeln wird. Den Boden unter den Beinen verlierend, springe weiter. Wenn du nicht weißt, was tun - geh einen Schritt weiter. Der Krieg wird den Plan zeigen, das Wichtigste ist, sich in den Kampf einzumischen, und dann wird man schon weiter sehen. "Der Fisch gewinnt taktisch, den Geschmack des Wurmes genießend, aber verliert strategisch, am Angelhaken gefangen". Hokku, Poesie. "Nimm niemals den dir vom Gegner aufgezwungenen Kampf auf - es ist besser, rechtzeitig zurückzutreten, als später über die eigene Leiche zu schreiten" - Prosa des Lebens.
  
   Der leichteste Tag
  
   Weiße Wände, weiße Laken. Ruhe und Stille. Davon hatte er die ganze Zeit des Dienstes geträumt. Jetzt nahm es sich völlig anders wahr. Nebenan saß der Kombat. Der mit ihm gekommene Sampolit der Kompanie brachte neue Paradeuniform, gestreiftes Fallschirmjägerhemd, Barett, Abzeichen, zwei Fallschirmjäger-Rucksäcke voll mit Granatenäpfeln aus Kandahar, Feigen, Äpfeln, holländischer Limonade "Si-Si".
   "Hier in der Tüte sind 500 Schecks. Die sind für dich vom Bataillon, für die erste Zeit", - der Kombat legte auf das Kissen einen einfachen Soldatenbriefumschlag. "Was wirst du als Reservist tun, Sohn ?" - fragte er. Bemüht, munter auszusehen, konnte er nichts besseres ausdenken, als zu sagen: "Ich werde Hocker herstellen und auf dem Markt verkaufen".
   Glühender Schmerz in Beinstümpfen schlug in den gequetschten Kopf - der Kombat hatte ihn mit einer heftigen Bewegung an dem um seinen abgeschnittenen Körper gewickelten Laken hochgezogen: "Wenn ich erfahre, daß du dich im Zivilen zum Arschloch machst, Sergeant, komme ich persönlich und werde dir das Gehirn einrenken, verstanden ? Merke dir, Sohn, der leichteste Tag war gestern ! Der Krieg fängt für dich erst jetzt an ..."
   Am Morgen sollte das Flugzeug kommen. Die Brüder von der Kompanie hatten ihn bereits voll beladen - seine Verbände am Bauch und am Arm wurden mit Haschischstäbchen für die "Erwärmung" von Veteranen Kandahars in Lazaretten der Sowjetunion gespickt. Gerade waren sein Kombat und der Sampolit gegangen.
   Weiter die Welt durch das Prisma der alten, von der neuen Wirklichkeit verschont gebliebenen Gefühle wahrnehmend, begriff er immer noch nicht gänzlich die Lage, in der er sich nun befand. Die Beine schmerzten, die es nicht gab. Die Löcher im Arm und im Bauch störten ihn nicht. Im gequetschten Kopf pulsierte ein einziger Gedanke: "Wahrhaftig, der leichteste Tag war gestern !"
  
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