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Бабченко Аркадий Аркадьевич
Hankala

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   Nachts lässt der Flug der auf dicht fliegenden trassierenden
   Autor: Arkadij Babtschenko Übersetzer und Copyright © Paul Robertus
  
   Hankala
  
   Nachts lässt Dich der Flug der auf Dich fliegenden trassierenden Geschosse erstarren. Die kleinen roten Punkte steigen weit über der Erde und hängen bewegungslos in der Schwärze, nur leicht zitternd. Wenn man es zum ersten Mal sieht, kann man nicht wegschauen, so schön ist es. Alles passiert in absoluter Stille. Alle stehen und schauen zu. Es ist alles weit und macht gar keine Angst.
   Und wenn diese Leuchten plötzlich zu metergroßen Linien werden und blitzschnell mit dem Resttempo von dreihundert Meter in der Sekunde vom Himmel in die Erde hineinbohren, fliegst Du verblufft in den Dreck -- was? wie? woher? Die Energie überwältigt. Alles zittert, der Metall reißt die Luft in Stücke, Hitzewellen schlagen ins Gesicht, Backsteinstücke fliegen im Himmel, der Raum erfüllt sich mit kalten plötzlichen Explosionsblitzen. In ihr Brüllen flicht sich das Gejaule neuer Geschosse ein.
   Es fällt schwer anzuerkennen, dass all das durch schöne Leuchten gebracht wurde.
   Die hundert Kilo schweren, nur zu zweit zu hebenden, in zwei Reihen ausgelegten Sandsäcke werden leicht, wie Glas, und beginnen plötzlich zu fließen. Du liegst von allen Seiten offen und betest nur um eins: dass der Richtschütze die Kanone nicht um ein halbes Millimeter absenkt und nicht um zwei Millimeter nach linkst verstellt. Dann vermischt er diesen Sand mit Deinen Eingeweiden.
   Mit der Zeit kommt auch die Fähigkeit, die Richtung zu bestimmen. Wenn die Punkte kaum merklich links gehen -- dann gehen sie nach links. Rechts -- dann nach rechts. Runter -- Kurzschuss. Hoch -- Weitschuss. Je stärker sie sich bewegen, desto weiter auf die Seite werden sie fliegen.
   Aber wenn sie ganz unbeweglich hängen, dann fliegen sie direkt auf Dich zu.
  
   Am Morgen werden wir wieder beschossen. Aus Grosnyj knallt die Schnellschusskanone BMP. Meterlange rote Linien stechen mit Beschleunigung in unser Haus. Backsteinsplitter überschütten die Erde. Ich stehe schmiere am Hauseingang hinter den Sandsäcken. Das ist die Schattenzone.
   Geschossen wird ganz schön dicht. Gut, dass die Wand keine Fenster hat, sonst hätten diese Striche im Inneren einen Brei eingerichtet, die Menschen liegen aufeinander.
   Einige Geschosse knallen ins dreistöckige Haus rechts. Der nächste Feuerstoß zeichnet eine Linie inmitten des Hofs.
   Verdammt. Irgendwo ist ein Spalt zwischen den Häusern.
   Ein Mensch steigt die Treppe herunter. Bleibt hinter meinem Rücken stehen. Ich sehe ihn nicht -- die Dunkelheit ist vollständig. Sein Atem berührt meinen Hinterkopf.
   -- Geh vorerst nirgends hin, Kleiner. Beschuss.
   -- Danke, - sagt er so, als hätte ich ihn vor Regen gewarnt.
   Einige Zeit lang stehen wir so zusammen und schauen die Explosionen an. Dann schreitet der Mensch in die Lichte der Tür. Es ist ein Offizier. Mir wird wegen meiner Kumpanei etwas unwohl. Er stellt den Kragen hoch, zieht den Kopf ein, als hätte er wirklich vor unter Regen zu gehen, sagt noch mal "danke" und geht auf die Straße.
  
   Die Infanteriebrigade verzieht sich endlich, und wir besetzen die Häuser. Hankala ist eine Sommersiedlung aus einigen Häusern. Zwei oder drei Dreistockhäuser -- die waren wohl nach dem Krieg noch von gefangenen Deutschen gebaut. Ein Fünfstockhaus, etwas weiter weg ein langes Neunstockgebäude mit vielen Eingängen -- vermutlich Offizierwohnheim. Es ist stark zerstört und an vielen Stellen verbrannt. Daneben eine kleine Villa, man munkelt, es ist die ehemalige Datscha von Maßchadov. Dorthin zu gehen ist verboten, von oben bis unten ist alles vermint. Durch das Tor sieht man einen Jeep auf Felgen.
   Wir bekommen die Fünfstockbude. Darin gibt es keine Böden und keine Decken mehr, kein Fenster ist ganz, und fast in jedem Zimmer liegt in riesigen Mengen Scheiße, aber für uns ist diese Bleibe ein Paradies. Heute werden wir nach einer endlosen Kette von Erdlöchern und Unterständen zum ersten Mal unter einem Dach schlafen. Im Krieg wird die Wichtigkeit einer menschlichen Bleibe sehr deutlich bewusst.
   Wir wählen die am wenigsten zerstörte Wohnung im ersten Stock. Die Infanterie hat die Fenster bereits mit Spanholz beschlagen und das Ofenrohr in die Lüftungsklappe gesteckt. Ein glatter Palast! Bleibt nur Zeltbahnen auf die Eingänge zu hängen und die Bette, die ich im anderen Hauseingang gesehen hatte, hierher zu schaffen. Die Betten haben Priorität, bevor die oberschlauen Stabisten sie wegschleppen. Wir sammeln im Haus sechs Bette und stellen sie paarweise aufeinander. So entsteht eine echte Kaserne, jedem eine Koje. Auf einigen sind sogar die gestreiften Armeedecken. Und wir haben darüber hinaus eine ganze Tür gefunden und sie auf die Bänder gehängt! So gut haben wir noch nie gelebt.
   Igor findet zwei Bücher und beginnt sein Bett abzuklopfen, als wäre er in der Ausbildung, wo es von der Härte her dem Asphalt gleichzukommen hat und gespannt wie ein Sprungnetz sein muss.
   -- Man ist doch so scharf drauf, sie wie am Schnürchen zu legen, wahr? -- sagt er und hantiert mit der "Polarisationstheorie des Universums" und einer Gedichtsammlung von William Blake. -- Diese Kojenparade ist wohl wie ein Balsam auf Deine Wunden, Du Gefreiterseele.
   -- Nun ja. Ich denke, genau das machen Sie am Abend, Genosse Fleischgardesoldat.
   Ich bin Gefreiter, Igor ist Soldat, und wir haben knapp zwanzig Jahre Unterschied, aber es hat gar keine Bedeutung, wir sind beide gute Soldaten, und das hat mit dem Alter oder mit dem Rang überhaupt nichts zu tun. Na vielleicht reißt er hin und wieder Witze an meine Adresse.
   -- Mhm. Vergiss nicht, die Hähne im Bad glanz zu polieren, Du alter Soldat.
   Mit Brennholz werden wir hier kein Problem haben, in vielen Wohnungen sind Rahmen und Zargen noch geblieben, die Parkette ist auch nicht überall herausgerissen. Wir stellen schnell einen Kanonenofen auf. Pincha ist mit der Heizung beauftragt, und eine halbe Stunde später haben wir Taschkent. Wir ziehen uns aus bis auf die Unterhose und hauen aufs Ohr. Nur kurz die Wachen für die Nacht verteilen.
   Ich kriege die Zeit nach Mitternacht, zwischen ein und vier Uhr. Nicht die beste Zeit, ich muss die Nacht auf zwei Teile brechen.
   Eine Stunde später kommen Boten aus dem Stab und beanspruchen die Kojen. Sie sind weder bestechlich noch lassen sie sich überreden -- der Stableiter braucht Betten, und sie wollen alle holen. Wir sind zu einem Kompromiss gezwungen und geben ihnen drei Kojen ab -- weniger akzeptieren sie nicht, und wir sind nicht bereit, ihnen mehr zu geben.
   Gut. Kein Beinbruch. Drei werden eh abwesend sein -- einer schmiere stehen, einer im BTR[1] am Funkgerät und einer am Ofen.
  
   Am morgen buddelte Igor irgendwo ein hängendes Waschbecken mit Tülle, befestigte ihn auf dem Balkon, schmolz eine Kiste Schnee, und jetzt schnauft er und spritzt mit dem heißen Wasser um sich herum. Eine Dampfwolke umhüllt seine knochige Figur.
   Kein einziger Schuss, Ruhe.
   Unweit von hier sind blaue Berge. Über ihnen die weißen Wolken. Die strahlende Sonne kämpft sich durch. Die Luft ist frostig und frisch. Unter dem Balkon ist ein Garten mit Apfelbäumen. Die zerstörte Stadt ist hinter den Zweigen verborgen. Die durch Explosionen aufgewühlte Erde ist vom reinen Schnee bedeckt. Die Splitten und der zermalmte Backstein sind auch verschwunden.
   Die Tülle rasselt ganz wie zuhause. Ein Klang nicht aus dieser Welt.
   Ich stehe in den Stiefeln aus Grobleder mit einem Maschinengewähr auf der Schulter und schaue hinunter auf den Menschen, der sich in der abgebrannten Zarge der Balkontür einer zerstörten Wohnung wäscht. Das Zeitgefühl verschwindet. Das Klirren der Tülle berührt plötzlich in mir Saiten, von derer Existenz ich nicht mal ahnte. Oder die ich schon längst vergessen hatte. Dieser Klang überrascht, wie irgendwann der erste Schuss in Deine Richtung und das Bewusstsein dessen überraschte, dass man Dich töten will. Er zerstört die aufgebaute Weltanschauung, und sie fliegt zum Geier.
   Nein, er erinnert nicht an das Leben im Frieden. Das gibt es nicht. Das hat hier keinen Platz. Und ich bin mir nicht sicher, ob es das überhaupt irgendwann gegeben hat. Ich bin im Krieg geboren, lebte hier immer und kenne nichts außer Krieg. Manchmal träume ich von meinem Haus, aber das sind nur Träume. Ich kann jetzt nur mit dem Löffel essen, in der Erde schlafen, auf der Panzerung fahren und schießen. Ich weiß, was wie anzuvisieren ist, um einen Menschen zu töten -- es ist nicht so einfach zu machen, der Mensch ist ein sehr lebensfähiges Wesen -- und kann mir nicht vorstellen, dass außer dem noch irgendwas existiert.
   Ich, der Pinocchio, der Trübe, der Chariton -- wir stehen alle mit offenem Mund und sehen zu, wie sich der Igor wäscht. Als hätten wir statt eines Scheißhauses mit unseren Hartlederstiefeln ein Theater mit Vorführung eines Märchens betreten. Und in der Loge uns selbst erblickt. Mit Smokings und Fliegen. Und Damen in ihren luftigen Kleidern.
   Das Alter spielt doch noch eine Rolle. Der Igor verträgt den Krieg leichter, weil er bereits eine Basis im Leben hat, etwas, woran er festhalten kann. Er hat einen Platz für die Rückkehr. Er ist imstande, diesen Abgrund psychologisch hinter sich zu lassen. Der Krieg ist für ihn nur eine Auszeit zwischen zwei Leben. Wir dagegen haben keine Zuflucht -- wir hatten nichts vor dem Krieg, und wir haben keine Ahnung, was danach kommt. Für uns ist er grenzenlos, und hinter seinen Grenzen gibt es nichts, wie es für den mittelalterlichen Menschen hinter dem Erdrand nichts gegeben hatte. Er hat auch keine Grenzen. Wir können sie nicht mal gedanklich überwinden. Logische Verknüpfungen platzen.
   Diese Tülle verstrahlt eine neue Gefahr, aber ich kann sie nicht näher definieren, kann nicht begreifen, wie unter den neuen Umständen zu existieren ist, und dadurch schwindet die Selbstsicherheit, als wäre ich wieder ein unbeschossener Grünschnabel, und auf ihre Stelle tritt die kalte Erkenntnis der Unumkehrbarkeit des Geschehens.
   -- Was steht Ihr wie Götzen rum? -- dreht sich Igor zu uns. -- Her mit dem Wasser. Wer ist der nächste?
  
   Der Pinocchio macht einige Schritte an Igor und schlägt die Tülle mit ganzer Kraft heraus. Die fliegt aus den Schienen und klirrt jammernd irgendwo in den Gärten.
   -- Nein, das doch nicht... nicht doch, - Pinocchio fehlen die Worte, - wir waschen uns auch so... mit Schüsseln. Trüber! Her mit den Schüsseln!
   Zum ersten Mal im Leben befehlt Pincha, aber der Trübe gehorcht und geht nach den Beulern.
   Eine Minenbatterie gibt eine Salve aus den Gärten ab. In einigen Sekunden kommt der Knall der Explosionen an. Irgendwo arbeitet kurz das Maschinengewehr. Einige Kugeln pfeifen in den Bäumen.
   Ich wache auf. Alles ist zurück. Es ist nur eine Tülle.
   Aber plötzlich spreche ich einen unerklärlichen Satz aus:
   -- Die Forderungen von Kreditoren werden beglichen entsprechend der Reihenfolge der Begleichung der Kreditorenforderungen.
   Was diese Worte zu bedeuten haben, weiß ich nicht. Wahrscheinlich las ich es irgendwann in einem Jurabuch. Als ich an einer Hochschule studierte. Im Traum.
  
   Es ist eine Eckwohnung, zwei Wände sind ausgeschossen, aber der Balkon hält sich noch robust, und es entsteht so etwas wie eine Veranda. Wir spannen unsere Joppen auf, setzen uns im Kreis und beginnen die Läusejagd. Die Sonne brennt auf unsere gestochenen Körper. Wir sind fast glücklich.
   Heute gibt es keinen Krieg. Wir wissen es ganz genau. Aber frag jeden "warum?" -- keiner wird antworten. Es ist ein Instinkt. Das zehnte, zwölfte, das zwanzigste Gefühl. Wir fühlen die Gefahr genau so, wie die Katzen fühlen ein Erdbeben. Manchmal weißt Du, dass aufstehen und einige Meter rennen nichts ausmacht, selbst wenn das Feuer noch so dicht ist. Und manchmal ist es umgekehrt, man muss liegen bleiben, selbst wenn fast nicht geschossen wird. Du kannst die Stelle der Explosion bestimmen noch bevor dort die Mine einschlägt, selbst noch bevor sie zu hören ist. Das Gehör und das Sehvermögen nutzen hier nichts. Die Splitte braucht weniger Zeit, als der Nervenimpuls von Augen zum Gehirn und davon ein Befehl an die Beine und Arme.
   Manchmal wachst Du auf -- es ist ein heller sonniger Tag, die Vögel zwitschern, aber alle laufen bedrückt und gereizt durch die Gegend und wissen, dass heute ein Mist passiert. Und der Mist passiert unbedingt. Und manchmal hängst Du die Tülle auf der Nase von ganz Tschetschenien auf und darfst völlig straffrei planschen.
   Zwischen den Apfelbäumen sieht man die "Samoware" der Minenbatterie. Die Minenschützen sind auch oben ohne und knacken die Läuse. Die beschmierte Infanterie kocht irgendwas auf dem Hof auf offenem Feuer. Die Küche qualmt friedlich. Der Versorgungsbeauftragte flucht mit voller Stimme, stellt eine Badestube auf und verspricht, dass sich kein Affe darin waschen wird, bevor die Kompanien das Personal für die Pumpe freistellen.
   Irgendwann gibt es in jedem Krieg einen Zeitpunkt, wo die Lust zum Schießen vergeht. Man hat kein Bock auf Krieg mehr, man will nur eins -- Ruhe. In der Regel wacht dieser Wunsch gleichzeitig bei beiden Seiten auf.
   Die Läuse sind so viele, dass sie zu knacken keinen Sinn macht. Wir arbeiten mit beiden Händen und schmeißen die Insekten einfach über Bord. Die Sache geht flott voran.
   Es sind zwei Arten von Läusen. Die einen sind groß und weiß, und wenn sie sich voll gesaugt haben, dann leuchtet ihr Bäuchlein rot. Ich erkläre allen, dass wir diese Läuseart mit aus dem Regiment gebracht haben, sie waren wohl in der feuchten Wäsche, die uns nach dem einzigen Waschgang nach der Versendung überreicht wurde. Die anderen sind klein, braun, sie tragen ein weißes Kreuzchen auf dem Rücken. Sehr hart. Wahrscheinlich lokal.
   Igor zieht die Hosen ab und bleibt ganz nackt. Sein abgemagerter Hintern ist stark mit Läusestichen gezeichnet, die Genitalien, Unterschultern, Bauch -- alles ist mit roten Punkten bedeckt. Er wälzt die Hose um und schüttelt sie mehrmals kräftig durch. Zwei oder drei Läuse fallen auf meine Brust und klammern mit den Füßchen an Haaren fest. Ich schicke sie mit einem Schnipsel zurück.
   -- Was machst Du denn, - empört sich Igor, - das sind doch unsere Landsleute, aus Moskau!
   -- Ja dann hol sie Dir, wenn sie Dir so wertvoll sind, - pariere ich.
   -- Ne. Sie sollen Groznyj stürmen gehen, - lacht er. -- Genossen Läuse! -- beginnt er mit Ansprache an die Hose, ganz nach der Art unseres Obersts. -- Ab-gleich! Vom ganzen Herzen gratuliere ich Ihnen zu Ihrer Ankunft im Arsch! Rechts-ab! Zum Stürmen der Heldenstadt Groznyj ab-marsch! Allen seien Medalien und eine Einmalzahlung für die Trauerfeier, und soll die Erde Euch weich sein! Orchester, Tusch!
   Wir jaulen. Der Igor kriegt das mit dem Oberst nicht schlecht gebacken. Und überhaupt sieht er so nackt komisch aus, der Läusekommandeur.
   -- Das sind vielleicht Pferde, - der Arkascha erwischte eine besonders fette Laus und zerdrückt sie mit saftigem Knacken mit seinen Nägeln. -- Woher kommen die bloß? Eine recht schon, in zwei Tagen hast Du gleich ein Hundert von denen. Und kein Waschschuppen hilft.
   -- Waschschuppen hat damit nichts zu tun, - widerspricht ihm der Trübe mit oberschlauer Mine. -- Das sind Wäscheläuse. Die kann man nur los werden, wenn man die Unterwäsche ständig im Läusekiller durchbrät. Unsere Wäsche dagegen durchbrät keiner, die Läuse darin sind lebendig und hungrig.
   -- Und doch ist es besser, einen Krieg zu führen, wenn es warm ist. Warum nur konnte der Krieg nicht im Frühling beginnen?
   -- Ja, irgendwas haben die da oben übersehen. Wirklich, wenn die ein halbes Jährchen abgewartet hätten, sich vorbereitet, und, wenn die Wärme kam, dann los. Was meinst Du? -- fragt er mich.
   -- Ich weiß nicht, - antworte ich. -- Vielleicht konnte man nicht abwarten, die Tschechen[2] hätten Befestigungen errichtet, und dann müssten wir sie aus den Bunkern rausprügeln...
   -- Wir prügeln sie ohnehin heraus. Sie befestigten die Gegend vier Jahre lang, und keiner störte sie dabei. Und nun plötzlich gingen die im Herbst mit Infanterie über die Berge los.
   -- Die Politik ist an allem Schuld, - sagt Arkascha. -- Kein Krieg beginnt ohne die Politik. Bald sind die Wahlen, das ist es.
   -- Wie beeinflusst denn ein Krieg die Wahlen? -- fragt der Pincha.
   -- Was weiß ich. Irgendwie aber schon. Hier wirst Du mal abgeknallt, und dort wird daraufhin Putin zum Präsidenten.
   -- Im Fernsehen sagen sie, dass Jelzin wohl seinen Nachfolger auserwählt hat.
   -- Ach, kann ein Präsident seinen Nachfolger bestimmen? -- blinzelt der Pincha listig. -- Wozu dann die Wahlen?
   -- Und wozu hat die Kuh die Titten zwischen den Beinen?
   -- Ich las in der Zeitung, dass die Häuser in Moskau von Putin hochgejagt wurden. Mit Absicht, um den Krieg herbeizuführen. Nach dem Motto, wir schmeißen hier einen schönen Sieg und wählen ihn zum Präsidenten. Ist es wahr? -- sagt der Trübe.
   -- Schnauze, Trüber, - entlädt sich Arkascha. -- Was juckt es Dich, wer sie hochgejagt hat, Du bist sowieso hier, und von diesem Krieg gehst Du nirgends mehr hin.
   -- Ist ja gut, - sagt ich. -- Außerdem ist es nicht so kalt, nur sehr viel Wasser. Wenn es etwas frostiger wäre.
   -- Oh ja, - sagt Oleg, - und die Sonne wäre auch nicht schlecht. Ich habe irgendwo gelesen, dass im menschlichen Körper durch das Sonnenlicht die Glückshormone entstehen. Theoretisch müssen wir jetzt alle glücklich sein. Pinocchio, bist Du glücklich?
   -- Ja, - sagt der Pincha. Ich glaube, er lügt nicht. Pinocchio ist immer glücklich.
   Der Pincha ist der einzige von uns, der sich nicht in der Sonne ausgezogen hat. Er umarmt sich im Sitzen und zieht den Hut bis auf die Augen hinunter. Die Hände in den Taschen, der Kopf in die Schulter hineingezogen, wie bei einem hundertjährigen Opa. Vielleicht will er alle Läuse auf einen Schlag zerdrücken.
   -- Pincha, Du Drecksack, wenn ich wieder was von Dir abbekomme, kriegst Du eine auf die Schnauze, - warnt ihn Igor. Der Pincha grinst nur zurück.
   -- Was wieherst Du, Du Buratino, - schreit ihn der Trübe an, - wem wurde gesagt, zieh die Klamotten aus!
   Wir überwältigen Pinocchio. Der Trübe zieht seinen Kittel ab, dann nimmt er die Unterwäsche in Angriff. Wenn er das Weiße in der Faust zusammendrückt, beginnt eine graue Kette, auf seine Hand zu klettern. Der Trübe zuckt seine Hand wie verbrannt zurück und springt fluchend einige Meter zurück.
   -- Schmeißt diesen Mist weg! -- schreit er uns zu, - er ist ansteckend!
   Wir lassen den Pincha los und zwingen ihn mit Fußtritten, sich auszuziehen.
   Als er sein Hemd auszieht, sagen wir nur "Ach!". Auf dem Pinochet ist eine ganze graue sich bewegende Masse, die Läuse haben einen Pfad aus den Unterschultern auf den Bauch gelegt und bewegen sich in Rudeln. Wie die Langusten. Ich habe es im Fernsehen gesehen -- sie gehen über dem Meeresboden in so Ketten, hintereinander.
   Die Läuse sitzen selbst auf dem Pincha"s Todesmedaillon, sie sitzen darauf wie die Bienen auf den Waben.
   -- Pincha, Du Hurensohn, die werden Dich doch bald zu den Tschechen schaffen!
   Wir reißen das trockene Graß bündelweise und schütteln damit wie mit einem Besen die Insekten von ihm herunter. Der Boden unter ihm wird lebendig. Ich bilde mir ein, dass das Hemd gleich selbst über dem Boden kriecht und zurück auf den warmen Pincha springt. Die Hose, die Unterhose, das Halsband und selbst die Schnur vom Todesmedaillon werfen wir weg, das braucht keiner mehr. Das Kittel und die Hose zieht er direkt auf den bloßen Körper an. Die Läuse leben nur in der Wäsche, die am Körper anliegt, aber in den Haaren vom Pincha sind noch die Nissen geblieben, und wenn er in den nächsten ein bis zwei Tagen beim Leiter Logistik nicht einen frischen Wäschesatz bekommt, dann werden die Läuse auch das Kittel mit der Hose besetzen. Dann wird man sie nie los.
   Wir sagen es ihm. Er nickt zustimmend. Aber alle wissen, dass er nicht zum Leiter Logistik geht.
  
   Der Trübe schoss ein Dutzend Tauben ab. Die Keulen sind klein, kaum größer, als die eines Frosches. Wir setzen je drei Stück auf die Stäbe und grillen sie auf dem Feuer. Das Fleisch schmeckt lecker, nach etwas festem Hähnchen. Wir essen es gleich mit Gräten. Verdünnen es mit dem Sause aus dem Trockenpack, schmatzen und loben den Trüben. Er ist zufrieden. Fühlt sich wie der Futterbringer. So ist es auch im Grunde, denn keiner von uns kann den Kopf der Tauben treffen, und ihr Körper wird durch eine Kugel zerfetzt.
   Am nächsten Tag beschließen wir das Taubenfleisch kommerziell zu vertreiben. Die Vögel leben im Schweinstahl in der Nachbarschaft, hunderte von ihnen. Wir lassen den Trüben hinein und versperren hinter ihm das Tor. Wir haben nicht vor ihn rauszulassen, bevor auch das letzte Vogel tot ist. Die haben keinen Ausweg, können nur von einem Balken auf den anderen überfliegen. Den ganzen hellen Tag knallt der Trübe sie in die Köpfe ab. Zeitweise schlägt er ins Tor und bedeckt uns mit komplexen Fluchten. Wir vertreiben ihn mit Fußtritten.
   Arkascha bringt ein Blech, stellt es auf vier Backsteine und brät die Tauben wie auf einem Backblech. Das Fett speichert sich in der Delle in der Mitte, und die Tauben darin schmecken besonders gut, sie haben eine knusprige rötliche Kruste. Die Frage des Salzes übernimmt Igor. Er nimmt ein Dutzend der schönsten Keulen, geht in die Küche und kommt zurück mit einem Sack.
   Bald haben wir einen ganzen Haufen von Keulen am Feuer. Der Trübe knallt die Tauben eine nach der anderen ab, er schoss bereits drei Magazine leer, das sind neunzig Geschosse, und fast jedes schickte er ins Ziel. Wir zupfen ab, Arkascha brät, Igor organisiert den Vertrieb. Wir haben eine echte Genossenschaft.
   Ich schlage Igor vor, das Abzupfen sein zu lassen und die Tauben wie sie sind zu verkaufen.
   -- Du bist jung und dumm, - sagt er. -- Und hast keine großen ... Späten gesehen. Wer kauft bei Dir diese erbärmlichen Federn mit Flöhen und Zecken? Dagegen schau Dir dieses Wunder der Kochkunst in abgezupfter Gestalt an! Ein Augenschmaus! Eine Gans! Ach was -- ein Fasan! Besonders wenn der Pincha so lecker schmaust.
   Der Pinochet haut wirklich nur so rein, dass es einem tropft. Wenn man ihn sieht, kann man nicht widerstehen. Er ist unser Handelsmotor.
   Der Igor tauscht gegen die Tauben das Rauchzeug, Konserven und Brot, und schon bald sitzt das gesamte Bataillon an Feuerstellen und brät diese Froschkeulen. Wir haben keinen fixen Preis und nehmen das, was man uns gibt, ohne zu feilschen. Freunde und Landsleute werden beschenkt, klar. Dennoch haben wir in einem Tag zwei volle Säcke Tabak und noch zwei mit Essbarem. Das ist unser strategischer Vorrat.
   Die Trosstypen versuchen uns den Handel kaputtzumachen. Sie gehen zum Schweinestahl als seien sie gelangweilt, aber wir fangen sie auf halbem Wege ab. Sie tun so, als seien sie einfach so vorbeigelaufen.
   -- Ach so, - sagt der Arkascha, - mit leeren Säcken. Haut ab hier, bevor ihr was aufs Maus abkriegt.
   Im Grunde sollten die Verhältnisse zu den Trosstypen aufrechterhalten werden, aber wenn es um den Fraß geht, dann weg mit den Zeremonien.
   Am Abend wird der Trübe etwas taub. Den ganzen Tag ballerte er in einem geschlossenen Raum herum, und seine Trommelfelle halten nicht mehr stand.
   -- Scheiß drauf, - schreit ihm Igor ins Ohr, - morgen ist es vorbei!
   Am Morgen ist wirklich alles vorbei.
  
   Wir leben nicht lange in diesem paradiesischen Viertel. Bald schickt man uns an die Front. Eigentlich ist der Begriff "Front" in diesem Krieg nur bedingt verwendbar. Hier gibt es keine klare Frontlinie, kein Hinterland, der Feind kann überall sein -- vorn und hinten, unten und oben -- und das hält ständig unter Strom.
   Aber jetzt hat sich eine Art Frontlinie gebildet -- die Tschechen stehen in der Stadt, wir bereiten die Erstürmung vor, und die Frontlinie liegt die Bahnschienen und die Straße entlang.
   Wir besetzen die Datschas. Vor uns liegt die Straße, dahinter andere Datschas, aber dort sind schon die Tschechen. Zwischen uns sind so um die hundertfünfzig Meter. Das ist alles, was wir wissen.
   In diesen Datschen verlieren wir einen Menschen -- der Panzerwagen fuhr auf eine Mine auf, und dem Leutnant auf der Panzerung riss es eine Hand ab. MON ist so eine fiese Mine in Form einer halbrunden Platte. Ihr Gehäuse ist aus Kunststoff, aber im Inneren enthält sie kleine Stahlzylinderchen, und zwar bis zu zweitausend davon. Außerdem gibt die MON eine gerichtete Explosion. Wenn sie hochgeht, wird selbst der Rasen gemäht.
   Der verletzte Leutnant ist ein unwahrscheinlicher Glückspelz. Der hat nur eine zertrümmerte Hand verloren. Er bekommt seinen Verband und wird ins Hinterland geschickt.
   Noch drei Zylinderchen traten in Form eines Halbkreises in die offene Lücke direkt über dem Kopf des Fahrers. Eines über dem Nacken und zwei über den Ohren.
  
   In den Datschen wurden unsere Soldaten offensichtlich gefoltert. Das entdeckte der Arkascha in einem der Häuser. Im Keller fand er einen mit Backsteinen verschüttelten schwarzen Müllsack, darin zwei ausgetrocknete Beine in der Camouflagehose und Hartlederstiefeln.
   Wir gehen zu fünft -- Arkascha, Igor, Oleg, Alex und ich. Wir nehmen möglichst viele Magazine, stopfen unsere Taschen mit Granaten voll. Die Datschas ziehen sich über anderthalb Kilometer, und wenn etwas passiert, schafft uns keiner zur Hilfe. Arkascha und Igor gehen als erstes Paar, Oleg und ich als zweites, Alex ist der Hintere. Wir kommen problemlos zuhause an.
   Der Soldat ist ausgetrocknet wie eine Mumie und wiegt so gut wie nichts. In der Hose sind nur die Knochen in der ledernen braunen Haut. Auf den Beinen sind noch Haare geblieben. Der Löcha springt in den Keller und wühlt vorsichtig im Müll mit der Hand. Ein Lichtstrahl fällt schräg über das Fenster, darin leuchtet der Staub. Schließlich findet der Löcha noch zwei Rippen und einen Schädelknochen. Sonst ist nichts da. Wir packen das ganze in eine Tüte und gehen zum nächsten Haus. Arkascha trägt die Tüte über der Schulter, der kleine, ausgetrocknete, wie ein Blatt Papier geknickte Soldat pendelt leicht durch seine Schritte. Vom Soldat ist nicht mehr als ein Meter übrig, aber er passt trotzdem nicht in die Tüte, die Beine ragen ins Freie, und es scheint, dass sie an den schweren Stiefeln gleich brechen.
   Wir kämmen noch ein Dutzend Häuser durch, sie sind alle leer. Am Ende finden wir gleich zwei. Sie wurden nicht mal begraben, nur mit einem Eisenblech abgedeckt. Die Rümpfe sind fast ganz, aber die Köpfe sind weg. Einer hat Laufschuhe an, er war wohl einer mit Vertrag, der andere ist barfüssig. Als wir sie aus dem Keller holen, fällt aus der Joppe des Barfüssigen, ein Todesmedaillon mit einer grünen Schnur. Dieser Knabe wird zuhause bestattet, die anderen werden vermutlich als im Kampf vermisst laufen. Eine Zeit lang werden die Körper im Rostover Labor liegen, dann in einem namenlosen Massengrab begraben.
   Wir legen sie die Wand entlang, hocken, rauchen im Schweigen. Zwei ausgetrocknete Körper ohne Kopf und Beine in den Hartlederstiefeln.
   -- In diesem Sommer getötet, - sagt Arkascha. -- Es war heiß. Die Körper sind in trockener Erde gelegen.
   -- Woher weißt Du das, - widerspricht ihm Igor. -- Vielleicht sind sie hier seit sechsundneunzig.
   -- Vielleicht, - zuckt Arkascha mit den Schultern.
   Vor dem Krieg arbeitete er als Inspektor der Kriminalpolizei.
   Aus der Stadt sind Schüsse zu hören. Unsere zweie Bataillon stürmt bereits seit drei Tagen das kreuzförmige Krankenhaus und kann es immer noch nicht einnehmen. Sie haben zwölf Gefallene. Die Kugelleuchtspuren prallen in den tiefen Himmel ab und verschwinden in den Wolken. In den Gärten fallen hin und wieder Minen. Es sind unsere, die schießen, sie tun es einfach so, um etwas Schreck einzujagen.
   Für einen Moment kommt die Sonne aus den Wolken und beleuchtet die nassen Läufe der krummen Apfelbäume. In der Ferne leuchten die Berge blau. Es ist schön hier.
   -- Im Sommer zu sterben ist schlecht, - sagt der Löcha.
   Der Tod ist nicht immer gleich schrecklich. Jetzt ist Winter, und das Töten der Menschen erscheint natürlicher. Im Winter ist der Krieg irgendwie... nachvollziehbarer. Der Krieg ist dann grau, der Tod ist grau, wie er auch zu sein hat.
   Diese Gärten muss man ständig säubern, hier muss jedes Haus, jeder Hauseingang durchgekämmt werden. Aber keiner sucht.
   -- Also, wie tragen wir sie?
   Alle zusammen in eine Tüte zu packen geht nicht, die Körper werden zerfallen. Arkascha nimmt die Tüte mit den Beinen, der Löcha und der Oleg -- die Rümpfe. Sie tragen sie wie Mannequins, sie halten sie vorsichtig am Gurt und versuchen, nicht zu wackeln, um die Körper in der Mitte nicht zu brechen. Ich schleppe die Gewehre mit.
   In der Kompanie wartet schon die Knochenarbeit. Die Mediziner verpacken die Körper in die silbernen Säcke, legen sie auf Tragen und hängen auf kleinen Gürteln im Wagen. Die Beine liegen separat, sie sind kurz, und deshalb erscheint karikiert, dass sie wie ein richtiger Mensch auf einer Trage getragen werden.
  
   Es hat noch eine Woche lang geregnet, dann kam die Sonne, und der Scharfschütze tötete Muchtarov. Im Gegensatz zu uns leichtsinnigen trug der Mucha immer eine kugelsichere Weste, er glaubte, dass sie ihn rettet, wenn was passiert. Er schlief sogar in der Weste. Aber der Scharfschütze traf ihn von der Seite, die Kugel flog durch ihn hindurch. Der Slavka meinte, dass die Beule auf der linken Seite der Joppe und die Delle auf der rechten, zu sehen waren. Der Mucha fiel, ohne aufzuschreien.
   Er lebte noch etwa vierzig Minuten, aber während die Rauchkörper gesucht wurden, und bis er von der offenen Stelle weggetragen werden konnte -- vielleicht so um die zehn Meter -- bis er verbunden wurde, starb Mucha.
   Im Krieg ist es immer so, der Abstand spielt keine Rolle, der Mensch kann neben Dir stehen, er kann sich an Deine Schulter drücken, aber er stirbt, und Du kannst ihm nicht helfen.
   -- So ein kleines Loch links, - erzählte der Slavka später, - und rechts fing ich an zu verbinden, aber da ist nichts, meine Hand ist sogar hindurchgefallen...
  
   Die Artillerie bearbeitet das Wohnviertel mit Privathäusern seit bereits drei Tagen. Die Geschosse gehen in einhundert Meter Entfernung hoch, das Haus zittert bei jeder Explosion, es springt zusammen mit dem Boden auf. Es ist das Gefühl, als würde ein riesiges Kind mit unserem Häuschen spielt und versucht, es auf Teile zu brechen. Der Keller rüttelt sich, Zement fällt herunter und knirscht an den Zähnen.
   - Schwuchteln, - sagt Arkascha. Das feuchte Holz will und will nicht zünden, und er stellte auch einen Teller mit einem in Diesel getränkten Lappen in den Ofen. Das gibt starke Hitze, qualmt aber gewaltig, der Ruß setzt sich in den Lungen, und wir spucken ihn ständig heraus.
   Wir liegen schweigend auf den Kojen und schauen, wie auf seinem Gesicht der rote Abglanz tanzt. Keller, Lappen auf Bretten, Zeltbahn am Eingang, gekrümmte oder in Erstarrung ausgestreckte Körper, die Finsternis, geleuchtet nur den Widerschein des Diesels, der Ruß, schwarze, ermüdete Gesichter, die sich eher an erboste kleine Tiere ähneln, das Warten und der Wahn der Nervenanspannung in den Augen. Das sind meine Kameraden.
   Manchmal passiert den Schützen ein Kurzschuss, und das Geschoß explodiert auf der Straße. Dann rüttelt es das Haus besonders stark. Wir fliegen gleichzeitig auf den Boden. Der Zement fällt herunter. Irgendwas wird irgendwo zerstört. Eine Asphaltplatte durchbricht die Ziegel und fällt ins Zimmer im ersten Stock. Aber das Haus hält stand. Wir kriechen schweigend zurück in die Kojen.
   Wir wissen nicht, wie viel Zeit vergangen ist, die Tage werden nicht mehr gezählt, unsere Leben werden nur vom qualmenden Diesel beleuchtet, wir hören auf uns zu waschen und Zähne zu putzen -- wir haben dazu einfach keine Möglichkeit -- wir spülen unsere Töpfe nicht nach der Verwendung und erleichtern uns auf der Treppe, ohne aufzusteigen. Der Gestank des Kots, die Finsternis, die Kälte und der Dreck, die Hände sind mit einer Kruste bedeckt, eitrige Wunden auf den Beinen, allgegenwärtige Wut und Lärm, Lärm, Lärm da draußen. Dieser Lärm zieht einem die Sehnen heraus, mit jeder Explosion kriecht in den Körper spürbar der Wahnsinn hinein. Wir verwandeln uns in Tiere. Wir sprechen nicht. Unsere Augen haben sich an die Dunkelheit gewöhnt, und wenn wir uns in der Wache ablösen, tut das Licht schneidend weh. Unser Gehör sucht ständig nach dem Pfeifen des nächsten Geschosses. Einhundert Meter ist für die SAU[3] kein Abstand, eine falsche Bewegung des Richtschützen -- und an Stelle unseres Kellers gibt es einen riesigen Trichter, so dass nicht mal was zum Zusammenkratzen übrig bleibt. Das Erwarten des Fehlschusses ist viel zu groß, wir fangen ans uns gegenseitig zu hassen, noch etwas -- und Messer werden gezuckt. Die Menschen sind keine Menschen mehr, sondern abgehetzte Stückchen des Lebens, die sich für nichts, aber auch gar nichts, interessieren, außer für sich selbst.
   Hin und wieder legt sich der Beschuss, dann kehren die Tschechen in die Privathäuser zurück und fangen an, uns zu beschießen. Die Minen fliegen mit grellem Pfeifen irgendwoher aus dem Ruin und explodieren auf der Straße, im Hof, in den Gärten. Wir sehen immer noch nicht, woher geschossen wird, in der Stadt gibt es nach wie vor keine Bewegung.
   Wie Ratten leben wir im Dunklen und rennen über offenen Platz dreimal verkrümmt. Gesehen werden bedeutet getötet werden. Die Sonne will und will den Himmel nicht verlassen, kein Regen in Sicht.
   Wir hassen die Sonne.
   Als die Tschechen uns endgültig auf den Keks gehen, ruft der Kommandeur wieder Artillerie per Funk. Wieder beginnt dieses verdammte Durcheinander. Die Geschosse fallen in einhundert Meter Entfernung. Die Erde heult und zittert, das Brummen drückt auf die Ohren und presst die Köpfe in die Schulter hinein. Wir warten darauf getroffen zu werden. In diesen drei Tagen haben wir uns kaum ein Dutzend Worte gesagt.
   -- Schwuchteln. Alles Schwuchteln. -- sagt Arkascha.
   -- Alle sind Schwuchteln, - wiederholt er.
  
   Noch zwei haben sie getötet. Im Wachegraben sind die eingeschlafen, in der Sonne schläfrig geworden. Wie sie saßen, so schalteten sie sich ab -- die Gewehre zwischen den Knien, Köpfe auf der Brust. Aus den Ruinen kamen zwei heraus, kreuzten die Straße, schossen den beiden in den Nacken, holten die Maschinengewehre und gingen. Alles war einfach.
   In die Kompanie kommt wieder der Knochenwagen. Die Körper werden eingepackt und wieder auf den Tragen im Inneren aufgehängt.
   Blut liegt wie eine Sülze auf dem Grabenboden. Das Blut ist gar nicht so wie im Kino. Es sind Klumpen, das lebt. Es war im Inneren. Es hat sein Geruch. Er erregt Brechreiz, wie auch sein Aussehen. Das Blut sollte gesammelt und nach Hause geschickt werden, denn dieses Blut sind auch sie.
  
   Wir werden ins Bahndepot versetzt. Die schlaue Infanterie nimmt sofort die Schilder "Grosnyj -- Moskau" herunter und befestigt sie an eigenen BTR. Als sie vorbeifahren bitten wir, uns zum Kurskij[4] zu bringen. Sie grinsen.
   Der Kompaniechef setzt noch ein polizeiliches Blaulicht auf den Panzerturm. Klemmt sie am Bordnetz an. Sein Schild ist auch nicht so ohne, er kommt vom Luxuszug "Terek". Dieser Spitzname klebt sofort an ihm fest, und in dem Bataillon wird er nicht mehr anders genannt. Der "Terek" mit den Blaulichten rast durch das Depot wie verrückt.
   Hier ist es schlechter als im Privatsektor, gar kein Platz zum leben, nur zerstörte Waggons.
   -- Das hat seinen Grund, - sagt Igor. -- Wir werden hier nicht lange bleiben, das werdet ihr schon sehen.
   Wir bauen ein Provisorium. Ein großes Einsenblech legen wir mit einem Ende auf den Zaun, das andere wird durch zwei Bretter gestützt. So etwas wie eine offene Garage entsteht. In der Mitte ist eine Feuerstelle. Für etwas Ernsteres haben wir weder Lust noch Kraft. Der Platz reicht gerade mal für unseren Zug aus. Alle sind schwarz, mit eitrigen Wunden, unterkühlt. Wir schlafen stückchenweise direkt auf dem Boden.
   Das Bataillon ist wie ein Front-KZ -- über dem ganzen Feld brennen die Feuer, und dreihundert Menschen in der Militäruniform schlendern von einem Feuer zum anderen und versuchen, einen warmen Platz zu ergattern. Die Soldaten schlafen gleich auf der Erde im flüssigen Lehm, unter den von Bändern heruntergenommenen Türen, um Schutz vor Wind zu finden, der Wind bläst die Wärme aus dieser Hürde weg, und die Leute verkriechen sich einer nach dem anderen im Rauch, der über die Fläche schwebt, sie erwärmen sich dort einige Minuten lang, bis die Augen tränen und der Atem vor Husten unterbrochen wird, dann kriechen sie unter den Haufen der beweglichen Körper unter den zu einem Keil zusammengestellten Türen.
   Sagte mir bloß einer früher, dass ich so leben werde... Mittelalter.
   Die Motoren von BTR laufen, und wir ziehen auf die Abgasrohre Handschuhe und Hüte auf, um die Wärme dort zu tanken. Der Abgas ist feucht, die Handschuhe sind schnell nass, aber wir ziehen sie trotzdem auf die Rohre auf, um die Hände einpaar Minuten lang im stickigen Benzinabgas zu erwärmen.
   Auf dem Bahndamm liegen hinter den Schienen Beobachter. Manchmal stoßen die Kugeln in die Schienen, dann kommt ein melodischer Klang, als würde ein Verrückter in all diesem Wahnsinn in die Glocken schlagen.
   Über die Köpfe schlägt die Artillerie auf die weißen Häuser in Groznyj.
   Nichts zum Beißen. Wir knallen unsere leeren Mägen mit dem Papirossenrauch voll, das lässt den Hunger nicht so stark erscheinen. Pinocchio zerbricht eine Geschützkiste mit dem Fuß und wirt die Bretter ins Feuer. Das ist die letzte. Kein Holz mehr.
   -- Gib mir mal ne Kippe, - bittet er heiser. Ich ziehe aus der Brusttasche die feuchte Schachtel, versuche daraus eine Papirosse auszuschlagen. Lange gelingt mir das nicht. Die Haut auf den Händen hat sich bis zum Knochen gespalten, und es sickerte die Lymphe. Die Handschuhe aus Wolle sind durch und durch verkrustet, ich zog sie seit mehreren Wochen nicht mehr ab, und sie wuchsen im Grunde ins Fleisch hinein. Jetzt kann man sie nur mit Blut abreißen. Also lasse ich sie an. Nur das Schweinespeck darüber schmieren, ich bekam ein Stück vom Sanitätszug, aber es hilft schlecht. Jedes Mal denke ich, dass das Speck vernünftigerweise aufgegessen werden sollte, aber da ist nichts zu essen, so um die dreißig Gramm, alles schwarz, mit Erde. Alle verfaulen, jeder hat so etwas Ähnliches.
   Endlich kriege ich eine Papirosse aus der Schachtel. Pinochet greift nach ihr mit dreckigen Händen, zündet an und bekommt einen Hustenanfall. Er zittert stark.
   -- Pincha, die Gelehrten sagen, dass es durchs Rauchen nur kälter wird. Das Teer verstopft die Gefäße oder so ähnlich.
   -- Blödsinn, - röchelt der Pinochet. -- Sollen diese Gelehrten einen halben Tag auf der Panzerung unter nassem Schnee durchgerüttelt werden. Mir wird durchs Rauchen wärmer. Besonders wenn es nichts zum beißen gibt.
   Letzte Bretter verbrennen. Keine Wärme mehr.
   -- Heute ist der sechste. Weihnachten, - sagt der Alte nach langem Schweigen. -- Es schneit. Gleich wie in einem Song von Schevtschuk[5]. In diesem Kriege fing es auch erst an Weihnachten an zu schneien.
   -- Na und? -- frage ich.
   -- Ja nichts, - sagt der Alte. -- Es schneit, und wir betreten wieder Grosnyj.
   Er steht auf, wendet sich vom Feuer weg und uriniert unter die Beine des Trüben.
   Wir strecken schmutzige aufgesprungene Finger.
  
   Der Scharfschütze, der Hurensohn, trifft dennoch. Einem Kerle reißt es das Bein ab -- die Kugel traf von der Seite zwischen dem Gelenk und der Kniescheibe und riss sie aus dem Bein.
   Er ist irgendwo in der Nähe, hinter der Brüstung, aber keiner kann ihn erwischen. Der Kux versuchte das Loch mit dem BTR abzudecken, aber der musste bald abgezogen werden -- der Schafschütze schießt auf die Räder. Eine Kugel durchdringt die Gummierung und steckt im Protektor fest. Der Kux versucht sie mit einer Flachzange herauszuziehen, aber die rutschen von der Spitze ab. So fährt er mit der Kugel im Rad durch die Gegend, bei hohem Tempo bildet sie einen leuchtenden gelben Kreis, als würde man mit einer angezündeten Zigarette in Dunkelheit.
   Nach der nächsten Salve fällt mit einem fürchterlichen Lärm fällt der Arsch vom Geschoss aufs Dach des Provisoriums. Das Provisorium wankt und fällt auf die Seite, ein Stab bricht, der Splitter rollt vom Dach auf den gefrorenen Lehm hinunter. Er ist riesig. Der Arsch wurde dem Geschoß komplett abgerissen wie ein Glas, und er wiegt mindestens anderthalb Kilo. Wenn einer den Kopf trifft, selbst wenn es ein Matter ist, tötet er sofort.
   -- Wir sollten gehen, - sagt Arkascha und schaut auf den Splitter.
   Wir rennen einzeln in die Direktion. Das Loch im Zaun überqueren wir in der Menge, aber der Scharfschütze schießt nicht.
  
   Jeden Tag Verluste. Jeden Tag wird jemand verletzt oder getötet. Der Pincha kam von der Kombüse und erzählte, dass in der siebten Kompanie gleich sechs mit einem Feuerstoß aus AGS[6]. Die Granate ging inmitten der Menschen hoch. Alle wurden stark von den Splittern geschnitten. Der Korobok, der Kompaniechef, läuft düster wie das Pech herum.
   Die Haubitzen hauen rund um die Uhr auf die Stadt. Aus der Stadt wird geantwortet. Wir bearbeiten die Häuser stichprobenartig aus allem, was wir haben. Ich zerschieße um ein Dutzend Granaten aus RPG[7]. Mit der Dunkelheit kommt der Kux auf seinem BTR, der Trübe schreit "Allah ist ne Schwuchtel, Jesus Christus ist geiler" lässt das gesamte Magazin raus. Plötzlich erwidert dieselbe herumfahrende BMP. Die Sache geht in einen Schusswechsel über. Uns stört der Zaun. Aber er verdeckt uns auch.
   Die Spannung steigt. Beide Seiten sind aktiv geworden. In den Stab des Bataillons kam General Bulgakov an. Der Papa. Ein Befehl wird verlesen. Alle örtlichen Bewohner über zwölf und unter sechzig, unabhängig vom Geschlecht, sind Banditen. Ein dreizehnjähriges Mädchen und ein neunundfünfziger alter Mann auch. Eine Frau, ein Kind, ein Alter, ja selbst ein Elefantchen. Der Offizier, der das verlas, sagte wörtlich "sei es ein Alter, sei es ein Elefantchen". Niemand wird diesem idiotischen Befehl folgen.
   Arkascha erschoss jemanden aus dem Scharfschützengewehr in der Stadt. Mehrere Menschen gingen in einer Kette, er schoss auf den ersten, aber der erste bog ab, und die Kugel traf den zweiten unter den Hals. Friedlich, nicht friedlich, der Teufel weiß das -- die waren wohl ohne Waffen. Arkascha macht sich deshalb keine Gedanken. Im Prinzip wer kann da schon sein außer den Tschechen. Aber ich kann mit ihm nicht mehr reden.
   Im durch die Raupen verflüssigten Lehm liegen Leichen eines Arabers und eines Negers, die die Aufklärung aus der Stadt mitgebracht hat. Die Hemden sind hoch gekrempelt, die Hosen auf den Knien. Der Neger ist ein Rieseneber. Der Araber hat einen gelockten Bart. Im Bauch ein Loch. Die Leichen dürfen nicht begraben werden. Diese Art Umgang mit dem Tod heißt keiner von uns gut. Nachts fressen Hunde die Leichen. Wir schießen auf sie aus den Maschinengewehren. Aber sie sind gute Soldaten. Bei einer Verletzung quicken sie nicht einmal, sie laufen lautlos weg. Jede Nacht kehren sie zurück. Diese Hunde sind verrückt wie Menschen -- sie müssen die Leichen ihrer Götter fressen, und die Psyche hält nicht stand. Sie anzusehen macht Angst. Nach einigen Tagen bleibt von der Leiche nur ein schwarzer Brustkorb zurück. Man schubst ihn mit Fußtritten in den Graben und schüttelt dennoch etwas Erde darüber. Die Verrohung und der gegenseitige Hass steuern die Menschen auf beiden Seiten der Straße.
   Und dennoch will diesen Krieg niemand Krieg nennen. Die antiterroristische Operation. Punkt.
  
  
  
   [1] Gepanzerter Transporter (Anm. d. Üb.)
  
   [2] Tschetschenen (abschätzig)
  
   [3] Samochodnaja Avtomatitscheskaja Ustanovka, ein russischer Panzerwagen (Anm. d. Üb.)
  
   [4] Ein Bahnhof in Moskau (Anm. d. Üb.)
  
   [5] Ein Rock-Sänger, eine moralische Instanz in Russland (Anm. d. Üb.)
  
   [6] Automatischer Granatenwerfer (Anm. d. Üb.)
  
   [7] Tragbarer Granatenwerfer (Anm. d. Üb.)
  

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